Mittwoch, 16. November 2005

notiz: pauschalurteile (nicht nur eine antwort @morgaine)

in den kommentaren zum gestrigen beitrag über das grundeinkommen wirft eine kommentatorin einige fragen auf, die imo grundsätzliche bedeutung haben, weshalb ich sie dann auch in einem eigenen beitrag thematisieren möchte.

"Leider fällt mir hier manchmal auf, dass doch sehr pauschale Urteile gesprochen werden über "Die Politiker" bzw. "Die politische Klasse" beispielsweise.

nun, da ist etwas dran. pauschalurteile sind so eine sache, oft genug nah verwandt mit schlichten vorurteilen. allerdings ist meine beobachtung die, dass selbst in den reaktionärsten vorurteilen immer ein fitzelchen realer wahrnehmung steckt, wenn auch meist bis zur völligen unkenntlichkeit verzerrt. vielleicht stimmen Sie mir zu, wenn ich auch vorurteile als primär abstrakte konstrukte des objektivistischen bewusstseins ansehe. welches gerne mit schablonen arbeitet, und nichtsdestotrotz auf reale (körper-)wahrnehmungen zurückgreifen muss (eine andere basis hat diese art des bewusstseins nicht, schon gar keine immaterielle).

das sog. "gesunde volksempfinden" wäre dafür ein beispiel, auch dafür, wie sich individuelle wahrnehmungsreduktionen kollektiv in form ganzer regelrechter und gemeinsam geteilter wahngebilde manifestieren können. wahngebilde - im medizinisch-psychiatrischen bereich (zu) eng definiert als psychotische wahrnehmung - lassen sich als produktionen des objektivistischen bewusstseins verstehen, die im eigenen erleben nicht (mehr) auf die eigene körperwahrnehmung bezogen werden können, sich einer person quasi als anscheinend rein virtuell-immaterielle phänomene darstellen und in der folge auch wie solche empfunden und behandelt werden - als ob sie eine eigene qualität hätten. (als metaphernhaftes beispiel dafür ließe sich vielleicht eine person annehmen, die z.b. die simulation eines videospiels für bare realität nimmt, und dazu ganz zwangsweise die materielle realität in form der nötigen hardware, der energieversorgung sowie die eigene körperliche basis aller wahrnehmung aus eben dieser ausschliessen muss, um die simulation ernsthaft als real empfinden zu können. das sich die menschliche wahrnehmung auch in solche zustände regelrecht tricksen lässt, wie es z.b. jeder gute zauberkünstler praktiziert, ist dabei eine eigene geschichte).

trotzdem sind diese produktionen immer auf das bezogen, was im körper an wahrnehmungen gespeichert bzw. aktuell registriert wird - wir können schlicht keinerlei abstraktionen, visionen, träume etc. in einem völligen vakuum produzieren - all das, wie auch die psyche insgesamt, hat eine materielle basis.

ich habe diesen kleinen, sehr gerafften abschnitt zu den grundlagen von abstrakten produktionen des bewusstseins deswegen angeführt, um deutlich zu machen, wie ich vorurteile begreife - das beispiel des eleminatorischen antisemitismus der nazis als echte wahnproduktion zeigt das imo besonders deutlich - "die juden", wie sie von den nazis beschrieben worden sind, waren eine rein imaginäre produktion, in der allerdings ein paar reale wahrnehmungen (ich nehme an, dass Sie die geschichte des antisemitismus einerseits und die gesellschaftlichen stellungen und positionen von jüdischen menschen andererseits gut genug kennen, um zu verstehen, was ich meine) als basis, aber bis zur karikatur verzerrt, vorhanden waren.

und so sind auch heute bei den beliebten urteilen über "die politiker" (oder meinetwegen auch "die kapitalisten") solche prozesse beteiligt - die frage ist allerdings, wieviel reales dabei als basis tatsächlich vorhanden ist, weil bestimmte, anscheinend zu pauschale urteile eben auch eine primär realistische wahrnehmung widerspiegeln können. nun ist hier im blog inzwischen genügend material gesammelt, um breits ein bestimmtes gefühl - auch das ist eine wahrnehmungsform - gegenüber der sog. politischen klasse entwickeln zu können, welches sich argumentativ unterstützen lässt. aber am plausibelsten sind natürlich immer noch nahwahrnehmungen der entsprechenden personen, und das gibt mir die gelegenheit, auf ein weiteres buch bzw. einen autor hinzuweisen, der aufgrund seines berufes genügend gelegenheiten zu solchen wahrnehmungen hatte. und das urteil des spiegel-journalisten jürgen leinemann ist regelrecht vernichtend:

DIE ZEIT: Herr Leinemann, wenn Sie sich am Sonntagabend die Politiker bei Christiansen anschauen, was sehen Sie da?

Jürgen Leinemann: Wenn ich es sehe – es ist nur noch sehr selten –, sehe ich ein ziemliches Elend. Es ist die schiere Langeweile. Ich habe das Gefühl, ich kenne jeden Satz, jede Bewegung, jeden Gesichtsausdruck. Die Art, wie der eine den anderen unterbricht, wie er sich in den Vordergrund spielt. Ich kenne alles. Ganz selten bin ich schlauer als vorher.

ZEIT: Ist dieses Bild stellvertretend für die politische Klasse in unserem Land?

Leinemann: Es ist symptomatisch für das öffentliche Bild dieser Klasse. In Wirklichkeit ist es etwas differenzierter.

ZEIT: Die Darstellung der Politiker ist langweiliger, als sie eigentlich sind?

Leinemann: Ja, die Darsteller schauen immer aufs Publikum: Was wollen die Leute von uns? Was erwarten sie? Was müssen wir jetzt bringen? Wie hätten sie mich gern? Was die Kommunikation in unserem Land so schwierig macht, sind die Barrieren der Erwartung. Die Zuschauer, die Medien, die Politiker, alle erwarten was. Und alle haben Angst, die Erwartungen nicht zu erfüllen.

ZEIT: Was unterscheidet die heutige Fernsehrepublik von früheren Zeiten?

Leinemann: Heute ist das Publikum ganz dicht an den Politikern – die werden in Nahaufnahme gezeigt, aber sie sehen das Publikum nicht. Sie bekommen keine direkten Reaktionen. Sie versuchen es zwar mit Umfragen, aber das nützt nicht viel.

ZEIT: Sie zitieren in Ihrem Buch den früheren hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner mit dem Satz: Fehlende Menschenkenntnis ist eine der wichtigsten Führungsvoraussetzungen in der Politik. Stimmt das wirklich?

Leinemann: Ich denke, das stimmt. Fehlende Menschenkenntnis, verweigertes Einfühlungsvermögen ist ein Selbstschutz. Man ist selbst am wichtigsten. An den anderen zählt nur, ob sie nützen oder schaden. Für Feinde und Rivalen, für Menschen, die genauso machtgeil sind wie sie und ihnen gefährlich werden könnten, haben Politiker aber einen ganz feinen Blick. Da sehen sie jede Regung.

ZEIT: Sie beschreiben die Welt der Politiker als dramatisch wirklichkeitsleer. Die Politiker bezeichnen Sie als Süchtige.

Leinemann: Die beiden Begriffe hängen für mich zusammen. Sucht signalisiert, dass Entscheidendes im Leben fehlt. Dafür schaffen Drogen Ersatz. Die Wirklichkeit wird als unerfüllt und beängstigend erlebt, also hellt sich der Mensch diese Wirklichkeit künstlich auf – ob nun mittels chemischer Substanzen oder stimulierender Aktivitäten. Wenn sie von sich reden, benutzen viele Politiker den Begriff Sucht ja selbst gerne, aber mehr als harmloses Bild für eine peinliche Besessenheit. Auch Selbstzweifel lassen sich eben gut vermarkten.

ZEIT: Wonach sind Politiker süchtig, was ist es, das sie süchtig macht?

Leinemann: Vor allem die öffentliche Aufmerksamkeit. Mikrofone, Blitzlichter, Fernsehkameras – die eigene Dauerpräsenz in den Medien. Je weiter man kommt, desto höher die Dosis. Das gilt auch für die Faszination der Macht. Jede Tür wird aufgerissen, jede Fahrkarte wird dir besorgt. Die Umwelt dienert. Und wer oben angelangt ist, führt ein scheinbares Königsleben. Gepanzerte Limousine, Luftwaffenjet, Luxussuite. Aber zu welchem Zweck? Sie wollen die Welt verbessern, aber der Handlungsspielraum ist eng. Also müssen sie erst einmal ihre Wiederwahl sichern. So verselbstständigt sich der Betrieb. Die Betäubung beginnt schon ganz banal mit der Arbeit, die nicht öffentlich stattfindet: 16- bis 18-Stunden-Tage, 90-Stunden-Wochen. Das reicht bald, um nicht mehr zur Besinnung zu kommen.

ZEIT: An was mangelt es Politikern?

Leinemann: Vielen an einer konkreten Vorstellung von einem besseren Leben, einer besseren Gesellschaft, den meisten an Lebenserfahrung, allen an Muße. Der Politikbetrieb tötet alles, was ein normales Leben erfüllt: Beziehung und Familie, intensive Freundschaften, Kunst und Literatur, Hobbys. Alles dreht sich um Politik – die der Politiker irgendwann mit der Wirklichkeit verwechselt, so wie sich selbst mit seiner öffentlichen Rolle. Wer von Drogen und von Sucht redet, redet also zugleich von Realitätsverlust. Das ist natürlich umso schwerwiegender, wenn es sich um die Leute handelt, die damit beauftragt sind, einen guten Teil dieser Realität zu organisieren.


das buch Höhenrausch von ihm steht ebenfalls auf der liste zu beschaffender lektüre weit oben. nun müssten Sie bei seinen imo sehr deutlichen worten ebenfalls mit ihrer warnung vor pauschalen urteilen kommen, denn sein fazit - welches dazu noch auf realen und nahen begegnungen beruht - fällt ähnlich aus wie das, was ich mir (und auch andere) bereits seit längerer zeit über die verfassung unserer sog. eliten, von denen die "politische klasse" einen teil darstellt, gebildet habe. und wenn ich behaupte, dass es ganz bestimmte psychophysische voraussetzungen braucht, um innerhalb dieser eliten nach "oben" zu gelangen (wenige ausnahmen bestätigen die regel), so mag das für Sie wie ein pauschalurteil klingen, welches für mich allerdings begründet ist. und zwar realistisch begründet.

*

dann haben Sie mir noch diesen link hinterlassen, bei dem ich vermutlich richtig in der annahme gehe, dass sowohl autor wie auch thesen des buches von Ihnen als positiv im weitesten sinne empfunden werden? nun, wenn ich aussagen wie die folgende

"Hengsbach hält die kapitalistische Marktwirtschaft für das vergleichsweise erfolgversprechendste Wirtschaftsmodell."

sehe und dazu noch den vom autor selbst im titel verwendeten ausdruck "faktor mensch" (derartige begrifflichkeiten sind ein sehr deutlicher hinweis auf wahrnehmungsarten, und in diesem fall ein besonders widerwärtiger), dann reicht das tatsächlich für mich aus, um ganz pauschal zu einem urteil zu kommen: wissen Sie, welche rolle die kirchlich-institutionelle militärseelsorge in den vergangenen kriegen spielte? eine ähnliche, wie sie die sog. kirchliche sozialethik, auf die Sie sich ja beziehen, spielt: fromme bemäntelung von knallharten machtstrukturen, im extrem von mord und totschlag. ich habe durchaus in gewissen maßen respekt vor z.b. der südamerikanischen befreiungstheologie, halte aber die institutionalisierten christlichen religionen in europa in weiten teilen für regelrechte büttel der macht, deren unheilvolles wirken über jahrhunderte sie in jeder hinsicht disqualifiziert. auch hier mag es, besonders unter den "einfachen" gläubigen, menschen mit anderen motiven und anderem handeln geben - aber solange sie z.b. figuren wie den derzeitigen opus-dei-freundlichen papst bejubeln, diskreditiert sie das in meinen augen auf das schärfste. von daher also kann ich Ihnen in der angenommenen positiven bewertung von diesem buch nicht folgen.

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